Sicherer Umgang mit Nanomaterialien am Arbeitsplatz
in Mittel- und Kleinbetrieben der Metallbranche

Einkaufsbummel durch den Nano-Supermarkt: Winzigste Teilchen verändern Nahrungsmittel, Medikamente und Kosmetika. Was macht die Nanotechnologie mit unserem Körper? “Ois is nano, ois!“, fasste der bayrische Kabarettist Gerhard Polt das Feld der Nano-Technologie einmal zusammen. Wie wahr, Herr Polt! Mein Fazit nach dem Symposium “Nano im Körper“ im Technologie-Zentrum des Deutschen Museums, München, lautet ähnlich: Die ganze Welt besteht aus Atomen und Molekülen, die nur nanometergroß sind. Je nachdem, wie man die kleinen Teilchen zusammensetzt, erhält man einen Speicherchip, eine Ananas, einen Mensch oder einen Regenschirm. Nun ja, ganz so kinderleicht verhält es sich natürlich nicht. Nano ist eben nicht gleich nano. Die Werbebranche hat die Vorsilbe trotz aller Komplexität zum Modewort erkoren. Schuhsprays und Faltencremes mit den beiden Zaubersilben im Namen verwandeln sich in Verkaufsschlager. Wo Nano draufsteht, muss Innovation, Umbruch und Zukunft drinnen sein. Was das Wort wirklich bedeutet und was sie da auf ihre teuren Lederschuhe sprühen, wissen die wenigsten Kunden. Nach dem Symposium und dem Austausch mit klugen Nano-Köpfen habe ich zumindest eine graue Ahnung von den großen Dimensionen der kleinen Teilchen.

Nano: Zwerge mit großen Kräften
So viel vorweg: Nano ist altgriechisch und bedeutet Zwerg. Dermaßen kleine Zwerge tauchten jedoch in keinem Märchen meiner Kindheit auf! Ein Nanometer ist nur einen Milliardstel Meter lang. Ein anschauliches Beispiel aus dem Badezimmer: In der kurzen Zeit, in der ein Mann seinen Rasierapparat ans Gesicht führt, wächst sein Barthaar um etwa einen Nanometer. Nanotechniker wollen die kleinen Einheiten kontrollieren und so neue Anwendungen schaffen. Warum und wie das funktionieren soll? Vertraute Materialen entwickeln seltsame Eigenschaften, wenn sie nur noch Nanogröße haben. Aluminium verhält sich plötzlich nicht mehr wie Aluminium, wenn es nur noch 20 Nanometer klein ist – es kann auf einmal explodieren. Ähnliche Launen entwickeln auch andere Materialien, wenn sie geschrumpft werden. Diese unerwarteten Eigenschaften machen sich Nanowissenschaftler zunutze.

Schmutzabweisende Krawatten durch Nanotech
Und das nicht erst seit gestern! Die Nanotechnik steckt längst nicht mehr in den Kinderschuhen: Kratzfeste Autolacke, hocheffiziente Sonnencremes und schmutzabweisende Krawatten sind bereits Realität. Forscher entdecken immer neue Anwendungen für Nanotechnik. Gerade in der Ernährung, Kosmetik und Medizin finden Nanopartikel und –kapseln ihren Einsatz. Lebensmittel könnten durch Nanopartikel etwa länger haltbar gemacht werden. Denkbar sind auch gänzlich neue Gerichte und Geschmacksrichtungen, weil im Nano-Bereich bisher nicht miteinander verbindbare Zutaten gemischt werden könnten. Mediziner erhoffen sich neue Therapiemöglichkeiten für Krebs oder gezieltere Behandlungen mit weniger Nebenwirkungen durch Nano-Raketen. Die Kosmetikindustrie experimentiert derweil mit durchsichtigen Cremes und besser von der Haut aufnehmbaren Substanzen.

Klein, aber riskant
Der Einsatz von Nano erntet aber auch Kritik – vor allem dort, wo künstlich erzeugte Teilchen in unmittelbaren Kontakt mit dem Menschen treten. Gegner der neuen Industrie kreiden an, dass die Auswirkungen auf unseren Organismus noch viel zu wenig erforscht würden. Die Kleinheit der Teilchen kann nämlich auch zu unerwünschten Nebenwirkungen führen. Sieben junge Chinesinnen waren 2007 und 2008 bei ihrer Arbeit monatelang Nanomaterialien ausgesetzt –sie haben winzige Polyacryliat-Nanopartikel eingeatmet. Zwei von ihnen sind trotz ärztlicher Intensiv-Betreuung gestorben. Bis heute lässt sich nicht endgültig sagen, ob den Nanoteilchen die Schuld an ihrem Tod zu geben ist. Der Vorfall hat bei der Risikobewertung der Nanotechnologie jedenfalls eine Wende ausgelöst.

Verbraucher als Versuchskaninchen?
Eines steht fest: Ob Nanoprodukte riskant für unsere Gesundheit sind, kann man nicht unisono für alle Produkte beurteilen. Denn wie schon der österreichische Bundeskanzler Fred Sinowatz so treffend sagte: “Es ist alles sehr kompliziert.“ Sorgen machen insbesondere freie Nanopartikel, -röhrchen oder -fasern, die nicht fest in einer Matrix gebunden sind. Ob und wo sie im Körper herumschwirren und was sie dort anrichten, ist vielfach nicht geklärt. Dass es nicht gesund ist, wenn sie sich ungewollt in Lunge oder Leber einnisten, leuchtet allerdings ein. Auf dem Symposium in München plädierten viele Experten für das Vorsorgeprinzip: Nanoartikel sollen getestet und geprüft werden, bevor sie für den freien Markt zugelassen werden – das war bisher nicht der Fall. Verbraucher sollen nicht mehr länger als Versuchskaninchen herhalten müssen.

Mehr Risikoforschung, mehr Aufklärung
Nano birgt also zugleich eine große Chance und ein großes Risiko. Vielerorts wird das Fachgebiet als Schlüsseltechnologie des 21. Jahrhunderts gehandelt. Viel Geld fließt in die Entwicklung, viel zu wenig in die Risikoforschung, finden Kritiker – nämlich nur fünf Prozent des Gesamtbudgets. In einer Sache sind sich Kritiker und Befürworter aber einig: Verbraucher haben das Recht zu wissen, was sie sich auf die Haut schmieren, auf die Schuhe sprühen oder in den Mund schieben. Sie fordern deshalb eine lückenlose Nanoprodukte-Datenbank, eine bessere Auszeichnung der Artikel – und mehr Aufklärung! Zumindest ich habe das Gefühl ein wenig aufgeklärt worden zu sein, als Wissenschaftler, Industrie-Vertreter und NGO-Aktivisten abends ihre Unterlagen im Deutschen Museum zusammenpacken. Beim anschließenden Einkauf im Drogeriemarkt lese ich mir aufmerksam durch, welche Moleküle da in meine Zahnpasta hineingepackt worden sind. Obwohl ich natürlich weiß: „Ois is nano, ois!“